


(3,7)+1, 2023, Acryl und Bleistift auf Papier, 40 x 30 cm
Motiv: 40 x 30 cm // Image: 15 3/4
x 11 3/4 in
Blatt: 42 x 32 cm // Sheet: 16 1/2 x
12 5/8 in
In der Reihe „wiederSehen“ präsentiert Genius Loci e.V. Duo-Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern der jüngeren Generation, die in der Vergangenheit in seinen Förderateliers im Streitfeld gearbeitet haben. Das Format ist auf den Dialog der Beteiligten angelegt und bietet die Möglichkeit jeweils eine aktuelle Arbeit für den Projektraum zu entwickeln und dort zu zeigen.
Ausstellung wiederSehen#3
streitfeld projektraum
Januar bis 5. Februar 2023
Eunji Seo
esquisse
Meine Arbeiten bestehen aus zahlreichen Bleistiftlinien auf einer zartgetönten Fläche von Acrylfarbe. Bevor ich ein großes Bild male, übertrage ich meine Ideen zuerst auf eine kleine Leinwand oder ein kleines Papier. Außerdem kann eine Zeichnung auch als Grundlage für eine neue Skizze dienen: Es ist sowohl ein Ende als auch ein Anfang. Und dieser Prozess wird wiederholt. Einige dieser Skizzen werden auf Leinwand übertragen, die meisten
werden archiviert.
In dieser Ausstellung mit dem Titel „esquisse“ zeige ich kleinformatige Arbeiten, die nicht nur die Moment- aufnahme eines Prozesses sind – den ich normalerweise nicht zeige – sondern auch jeweils ein in sich fertiges Bild. Die Auswahl der Farben im Hintergrund beruht auf meinen persönlichen Erfahrungen. Ich versuche meine Eindrücke von einprägsamen Landschaften farblich auf die Leinwand zu übertragen. Diese Auswahl der Farbigkeit erfolgt intuitiv.
Die ausgewählte Farbe wird mehrmals lasierend aufgetragen, wodurch sie im Bild einen hohen Grad an Selbstständigkeit erreicht. Sich wiederholende Punkte, Linien oder Leerzeichen werden nach einer bestimmten Regel, durch eine Zufallszahl, auf der gesamten Leinwand angeordnet.
Die Farbe und die Bleistiftlinien werden von mir kontrolliert. Unregelmäßigkeiten im Druck auf den Bleistift, im Graphitpulver und in den winzigen Zwischenlinien sind hingegen nicht kontrollierbare Elemente. Diese Zufallsmomente im Arbeitsprozess sind für mich bedeutsam.
Die Bilder erwecken den Eindruck eines Rasters oder Musters. Aus der Ferne erscheinen die Arbeiten flüchtig betrachtet wie monochrome Malerei. Wenn man jedoch näher kommt, werden symmetrische Muster erkennbar, von scheionbar makelloser Geometrie. Kommt man noch näher heran, treten zunehmend technische Details in den Vordergrund, einzelne Graphitstriche und Auslassungen werden sichtbar. Je mehr einzelne Striche das
Auge erfasst und diese miteinander vergleicht, umso offensichtlicher werden die feinen Unterschiede der von Hand gezeichneten Linien. Einzelne Elemente beginnen zu vibrieren, zu flimmern und zu flirren und dennoch vermitteln die Bilder einen eher meditativen und stillen Eindruck.
Mein künstlerisches Konzept ist vom Werk „Differenz und Wiederholung“ des französischen Philosophen Gilles Deleuze beeinflusst. Laut Deleuze wird etwas definiert über ein repetitives Charakteristikum in einem definierten Bereich. Eine Wiederholung ist allerdings niemals identisch mit dem Vorausgegangen und so besteht immer eine Differenz.
Deleuze formulierte es so: „Stellen wir uns … anstatt eines Dings, das sich von einem anderen unterscheidet, etwas vor, das sich unterscheidet – und doch unterscheidet sich das, wovon es sich unterscheidet, nicht von ihm. Der Blitz zum Beispiel unterscheidet sich vom schwarzen Himmel, kann ihn aber nicht loswerden, als ob er sich von dem unterschiede, was sich selbst nicht unterscheidet.
Man könnte sagen, der Untergrund steige zur Oberfläche auf, bleibe aber weiterhin Untergrund … Die Differenz ist diese Fassung der Bestimmung als einseitiger Unterscheidung. Von der Differenz muss also gesagt werden, dass man sie macht oder dass sie sich macht, entsprechend des Ausdrucks ‚einen Unterschied machen‘“.
Diese Idee versuche ich in meine Kunst einfließen zu lassen. Mein Ziel ist es, ein Gleichgewicht zwischen „Differenz und Wiederholung“ einerseits und „Chaos und Ordnung“ sowie „Zufall und Notwendigkeit“ andererseits zu finden.
